Soziale Gegensätze in Paraguay
Paraguays Hauptstadt Asuncion gleicht anderen südamerikanischen Metropolen: Neben eleganten Kolonialbauten, aufwendigen neuen Villen und Nobelboutiquen leben viele Bewohner in schlichten Behausungen. Kinder verkaufen an Straßenkreuzungen Süßigkeiten und Getränke, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen.

Asuncion ist mit 513 399 Einwohnern im Jahr 2002 die mit Abstand größte Stadt des Landes. Aufgrund der Landflucht wachsen die Hauptstadt und die nächst größeren Städte Ciudad del Este (von 1992 bis 2003 ein Zuwachs von 75 Prozent) und Encarnacion (von 1992 bis 2003 ein Zuwachs von 30 Prozent) überdurchschnittlich. Der Anteil der städtischen Bevölkerung in Paraguay lag im Jahr 2002 bei 57 Prozent. Die Hoffnung der Zugezogenen auf bessere Arbeitsmöglichkeiten in den Städten erfüllt sich oft nicht. Etwa 25 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung sind arbeitslos. Ein großer Teil der Bevölkerung lebt auf dem Subsistenzniveau. In ländlichen Gebieten leben laut Schatzungen 60 Prozent in Armut, 25 Prozent sogar in extremer Armut.
Die Ungleichheit in der Sozialstruktur hat sich in den vergangenen Jahren weiter verschärft. Lag Paraguay im Jahr 2001 noch auf Rang 80 des Human Development Index (HDD des UN-Entwicklungsprogrammes (UNDP), so fiel es 2002 auf Rang 90

Im Jahr 2003 belegte das Land Platz 84. Der HDI ist ein Indikator, der sich aus der Lebenserwartung bei der Geburt, dem Grad der Alphabetisierung unter Erwachsenen und der realen Kaufkraft pro Kopf zusammensetzt. Zum Vergleich: Die Bundesrepublik Deutschland belegte im Jahr 2003 Rang 18 im HDI, Argentinien Rang 34, Bolivien Rang 114 und Polen Rang 35.

Soziale Sicherung und Korruption
Fast die Hälfte der Erwerbstätigen in Paraguay ist im Dienstleistungssektor beschäftigt, mehr als ein Drittel in der Landwirtschaft und etwa 16 Prozent in der Industrie. Die soziale Sicherung in Paraguay ist im Vergleich zu anderen lateinamerikanischen Ländern unzureichend. Obwohl sich die Menschen sozialversichern müssen, sind real nur ein Drittel Beitragszahler. Das staatliche Sozialversicherungssystem Institudo Previsión Social (IPS) kann seine Aufgaben nur unzureichend erfüllen. Einen Großteil der Mittel verschlingen die Bürokratie, Korruption und Missmanagement. Die Korruption ist in allen Bereichen ein großes Problem, wie die Organisation Transparency International bestätigt. Paraguayische Bürgerrechtsgruppen nahmen das zum Anlass, den 6. September 2002 zum nationalen Tag des Protestes gegen Korruption auszurufen. Neben der Korruption behindert ein anderes Phänomen die Verbesserung der Lebensbedingungen: die Improvisation. Betrachte man die paraguayische Kultur, so dominiere die Impro¬visation gegenüber der Voraussicht und der Planung, beklagte jüngst ein paraguayischer Intellektueller in der liberalen Tageszeitung "ultima hora".
Das günstige Klima in Paraguay erlaubt mehrere Ernten im Jahr. Das führt dazu, dass der Gedanke an die Vorratshaltung nur wenig ausgeprägt ist. In diesen Regionen hat sich dennoch ein funktionierendes soziales Sicherungssystem entwickelt. Die meisten Paraguayer leben in den Tag hinein und überlassen die Zukunft dem Zufall. Diese Gelassenheit „tranguilidad" hilft bei der Bewältigung der täglichen Probleme im Arbeitsalltag, im Privaten und in der Öffentlichkeit. Über Jahrhunderte hinweg haben die Paraguayer sich so auf Kolonialherren, Diktatoren und Präsidenten eingestellt und die Höhen und Tiefen der unterschiedlichen Regierungsformen überstanden.

 
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